
Wetterkerze im Fenster – warum dieser alte Brauch so besonders ist
, Von Dinah Henke, 6 min Lesezeit

, Von Dinah Henke, 6 min Lesezeit
Eine Wetterkerze im Fenster ist mehr als ein schönes Licht: Sie knüpft an einen alten Brauch an und steht für Schutz, Vertrauen und Zuversicht, wenn draußen Sturm und Gewitter aufziehen. Warum das Fenster dafür ein besonderer Ort ist, was schwarze Wetterkerzen bedeuten – und weshalb meine schönste Wetterkerze dort plötzlich ganz krumm wurde – erzähle ich euch in diesem Beitrag.
Wenn draußen der Himmel dunkel wird, der Wind auffrischt und das erste Donnergrollen zu hören ist, gibt es einen alten Brauch, den ich besonders schön finde: eine Wetterkerze anzünden.
Früher wurden Wetterkerzen, Gewitterkerzen oder auch Schauerkerzen bei schweren Gewittern, Sturm und Hagel entzündet. Sie standen für die Bitte um Schutz für Haus, Menschen, Tiere und Ernte.
Dabei war die Kerze nie einfach nur ein „Blitzableiter aus Wachs“. Sie war vielmehr ein sichtbares Zeichen: für Vertrauen, für Hoffnung und für ein kleines Licht in einem Moment, in dem uns die Natur sehr deutlich zeigt, dass wir nicht alles kontrollieren können.
Und genau deshalb steht meine Wetterkerze besonders gern im Fenster.
Das Fenster ist ein besonderer Ort.
Draußen ziehen Wolken auf.
Regen schlägt gegen die Scheiben.
Vielleicht zuckt irgendwo schon ein Blitz über den Himmel.
Und drinnen brennt dieses kleine, ruhige Licht.
Für mich ist das Fenster deshalb wie eine Schwelle: Draußen ist der Sturm – drinnen sind Schutz, Wärme und Geborgenheit.
Die Wetterkerze steht genau dazwischen.
Sie muss das Gewitter nicht vertreiben. Sie muss auch nichts „wegzaubern“.
Sie darf einfach daran erinnern:
Draußen darf es stürmen. Hier drinnen brennt ein Licht.

Wetterkerzen haben eine lange Tradition. Besonders in katholisch geprägten Gegenden wurden geweihte Kerzen angezündet, wenn ein Unwetter aufzog. Häufig versammelte sich die Familie dabei zum Gebet.
Je nach Region stand die Kerze im Fenster, in der Stube oder im sogenannten Herrgottswinkel.
Heute darf jeder seinen eigenen Zugang dazu finden.
Vielleicht ist es ein Gebet.
Vielleicht ein stiller Wunsch nach Schutz.
Vielleicht ein Moment der Dankbarkeit dafür, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Oder vielleicht einfach dieses bewusste Innehalten, während draußen der Regen fällt.
Ich mag genau das an solchen alten Ritualen: Wir müssen sie nicht genauso leben wie vor hundert Jahren, damit ihre Bedeutung erhalten bleibt.
Manchmal brauchen wir Menschen einfach ein kleines Zeichen, das uns daran erinnert, ruhig zu werden.
Und manchmal ist dieses Zeichen eine Flamme.
Besonders bekannt sind schwarze Wetterkerzen.
Auch um ihre Farbe ranken sich viele Geschichten. Historisch entstanden dunkle Kerzen unter anderem aus gesammelten Wachsrückständen aus Kirchen, die durch Ruß und wiederverwendetes Wachs eine dunkle Färbung erhielten. Später wurden Wetterkerzen gezielt in Schwarz gefertigt.
Heute verbindet sich damit oft zusätzlich eine wunderschöne Symbolik.
Schwarz kann für die Nacht stehen.
Für dunkle Wolken.
Für den Sturm.
Für all das, was wir nicht kontrollieren können.
Und mitten darin brennt eine helle Flamme.
Vielleicht ist genau dieser Kontrast einer der Gründe, warum Wetterkerzen eine solche Ausstrahlung haben.
Aus dem Dunkel wächst Licht.

Jetzt muss ich euch allerdings noch etwas erzählen.
Denn auch eine Lichtermacherin lernt manchmal durch ihre eigenen Kerzen.
Eine meiner schönsten Wetterkerzen hatte ihren Platz am Fenster gefunden. Genau so, wie ich es liebe.
Nur hatte ich dabei einen entscheidenden Punkt nicht bedacht:
Es war ein Fenster auf der Sonnenseite.
Und Wachs ist nun einmal ein Naturmaterial, das Wärme nicht besonders gelassen hinnimmt.
Als die Sonne kräftig durch das Fenster schien, wurde meine schöne Wetterkerze warm.
Sehr warm.
Und irgendwann stand sie nicht mehr so stolz und gerade da wie vorher.
Sie war … sagen wir einmal:
etwas aus der Form geraten.

Im ersten Moment tat mir meine schöne Kerze natürlich leid.
Aber inzwischen muss ich darüber schmunzeln.
Denn eigentlich ist es genau die Geschichte, die ich euch unbedingt erzählen möchte.
Wenn ihr eure Wetterkerze gern am Fenster stehen habt, achtet bitte darauf, ob dort direkte Sonne hineinscheint.
Gerade an südlich oder westlich ausgerichteten Fenstern kann es hinter der Glasscheibe sehr warm werden. Eine Kerze kann dadurch weich werden, sich verformen oder im schlimmsten Fall ganz umkippen.
Deshalb mein Tipp aus eigener Erfahrung:
Nach dem Gewitter darf die Wetterkerze wieder an einen kühlen, schattigen Platz ziehen.
Besonders im Sommer.
Und natürlich gilt beim Abbrennen wie bei jeder Kerze: immer auf einen sicheren, hitzebeständigen Untergrund stellen, Abstand zu Vorhängen und anderen brennbaren Dingen halten und niemals unbeaufsichtigt brennen lassen.

Das Schönste an der ganzen Geschichte?
Als dann tatsächlich das nächste Unwetter kam, hatte ich natürlich noch andere Wetterkerzen.
Also konnte ich mir einfach eine neue anzünden.
Und während draußen wieder der Himmel dunkel wurde, saß ich drinnen und betrachtete meine kleine Flamme.
Vielleicht war gerade deshalb dieser Moment besonders schön.
Denn meine krumme Wetterkerze hatte mich vorher noch einmal daran erinnert, worum es eigentlich geht:
Nicht um Perfektion.
Nicht darum, die Natur kontrollieren zu können.
Sondern um dieses kleine Ritual.
Eine Kerze anzünden.
Zur Ruhe kommen.
Dem Regen lauschen.
Und wissen:
Auch wenn draußen der Himmel tobt, kann drinnen ein Licht brennen.

Ich finde, wir brauchen solche kleinen Rituale heute fast mehr denn je.
Nicht, weil eine Kerze ein Gewitter verhindern kann.
Sondern weil sie etwas mit uns macht.
Wir hören für einen Moment auf, alles kontrollieren zu wollen.
Wir werden still.
Wir schauen aus dem Fenster.
Wir beobachten den Himmel.
Und mitten zwischen Donner, Regen und Wind brennt dieses kleine Licht.
Eine Wetterkerze ist für mich deshalb nicht einfach nur eine Kerze.
Sie ist eine Erinnerung daran, dass Licht und Dunkelheit gleichzeitig existieren dürfen.
Dass wir nicht jeden Sturm verhindern können.
Aber dass wir entscheiden können, welches Licht wir in ihm entzünden.
Und falls eure Wetterkerze ihren Platz ebenfalls am Fenster bekommt:
Denkt an meine schöne krumme Kerze...
Ein schönes leuchten wünscht euch:
Eure
Dinah Henke von der Lichtermacherei Grundfarm Wachskunst
Ist mir auch schon passiert